Die Biografie des Menschen

Die menschliche Biografie ist kein linear verlaufender Prozess wie das Rinnen einer Sanduhr. Es erscheinen vielmehr diskontinuierliche Enwicklungsstadien, die in einer zeitlichen Abfolge von etwa 7 Jahren erfolgen, weswegen in der anthroposophischen Literatur diese Phasen „Jahrsiebte“ genannt werden.

Die ersten drei Jahrsiebte sind dadurch geprägt, dass sich in die physische Leiblichkeit die Lebensorganisation, die Empfindungsorganisation und die Ich-Organisation nacheinander hereinarbeiten. Ist es in der Schwangerschaft der Organismus der Mutter, ohne den das heranwachsende Kind nicht lebensfähig wäre, so übernimmt im ersten Jahrsiebt (bis etwa zum Zahnwechsel) die Lebensorganisation immer mehr von dieser Funktion. In dieser Zeit ist sie stark von der Atmosphäre der Umgebung abhängig, die eine prägende Wirkung auf den heranwachsenden Menschen hat.

Danach, im zweiten Jahrsiebt, wird diese Lebensorganisation „frei“ und steht der sich entwickelnden Seele zur Verfügung. Im Gehirn sind nun Wachstums-, Erhaltungs- und Regenerationskräfte zu finden: das Entwickeln von Gedanken, die Erinnerung und die schöpferische gedankliche Leistungsfähigkeit. Damit sind nicht die Inhalte der Gedanken gemeint, sondern die Tätigkeit des Gedankenbildens. Mit diesem Entwicklungsschritt, der etwa mit dem Zahnwechsel beginnt, tritt Lernfähigkeit ein und damit Schulreife.

Im dritten Jahrsiebt, das mit der Pubertät beginnt, ist es das Ich, das das bisherige Wachstum beendet und konsolidiert, die Funktionsreife des Organismus stabilisiert (z.B. das Immunsystem zur vollständigen Ausreifung zu bringen) und die stürmischen Entwicklungsprozesse mit 21 etwas zur Ruhe bringt. In den nun folgenden drei Jahrsiebten beginnt die feinere Arbeit an der Seele.

Die Entwicklung des Ich hat dabei Vorstufen und wichtige Zwischenphasen: In den ersten drei Jahren hat der Mensch die drei wichtigsten menschlichen und von seinem Ich bewirkten Eigenschaften erlernt: aufrechter Gang, Sprechen und anfänglich das Denken. Dann kann er „Ich“ zu sich sagen und beginnt mit der Trotzphase „Nein“ zu sagen zu dem, was er nicht will. Wird dieser Trotz zu oft oder zu hart gebrochen, wird das Ich in seiner Äußerungsfähigkeit gehindert, so wird seine Ich-Reife gefährdet. Mit neun Jahren setzt ein prägendes Alter ein für die soziale Reifung, die Gewissensbildung und das ästhetische Empfinden. Zugleich entsteht eines der verletzlichsten Entwicklungsmomente: War vorher der Kopf im Verhältnis zum übrigen Körper groß und träumend, die Glieder aber kleiner und auf eine instinktive Art geschickt, so ist nach dieser Zeit, etwa zwischen dem zwölften Jahr und der Pubertät, der Kopf klein und wach und die Glieder lang und zunächst ungeschickt und lästig. Es hat eine Umkehr der Entwicklung stattgefunden von der mehr über die Sinne aufnehmenden zu der mehr über den Willen gehenden Entwicklungsdynamik. Mit achtzehn kommt es dann aus den inneren Entwicklungsbedingungen heraus zur Vorstellung des Lebensplanes mit Berufswunsch. Dieser Entwicklungsmoment ist eine Art Wasserscheide der Biografie, in der der heranwachsende Mensch sich entweder mit seinen Zielen verbinden kann oder, wenn nicht, dann ein gefährliches Potential an Gewalt gegen sich (z.B. Sucht) oder gegen andere (z.B. Terror) freisetzen kann.

Die Traumatisierungen dieser Entwicklungsphasen sind in diesem Zusammenhang von Bedeutung. Die Gewalt, mit der der Trotz unterbrochen wird, auch die sexuelle Gewalt, die oft in diesem Alter beginnt, die sozialen Störungen in der Mitte der Kindheit (Umzüge, Ausgrenzungen im Freundeskreis, Lehrerwechsel, Ungerechtigkeit) und bürgerlichen Normvorstellungen, die einen Jugendlichen hindern, seine Ideen zu Idealen werden zu lassen, können diese „Inkarnation des Ich“ nachhaltig stören. Besonders die spätere Fähigkeit, zu sich zu stehen, ein Identitätsgefühl für sich zu haben und um seiner selbst oder um anderer Willen etwas auszuhalten statt zu resignieren und sich mit einer Droge „zu“ zu machen, bindungsunfähig zu werden oder Gewalt gegen sich selber oder gegen andere zu wenden, haben mit der Störung in den Momenten einer Ich-Anwesenheit zu tun, in denen dieses Ich zwar da, aber noch nicht autonom und innerhalb der Seele noch nicht stabil anwesend ist – das bleibt einem späteren Entwicklungsschritt vorbehalten.

So dienen diese ersten drei Jahrsiebte der körperlichen Entwicklung im Allgemeinen. Wird diese Entwicklung behindert, kommt es zu Störungen der Gesundheit in der folgenden Zeit, z.B. in der Immunabwehr. Sowohl durch psychosoziale Einflüsse, als auch durch eine übervorsichtige und zu massive medizinische Betreuung der heranwachsenden Kinder kann die Ausreifung des Immunsystems gestört werden.

Die nächsten drei Jahrsiebte dienen genauso der Seelenentwicklung, wie die ersten drei Jahrsiebte der Leibesentwicklung dienten. Es sei hier nur kurz angedeutet. Das Ich ist in den nun folgenden Schritten beschäftigt, die im Seelenleben tätigen Wesensglieder umzuarbeiten und sich dienstbar zu machen. Die Arbeit an der Empfindungsorganisation (Astralleib) führt zur Ausgestaltung der „Empfindungsseele“ (21-28): von der Beeindruckbarkeit durch die Welt kommt es zu der Erfahrung der Welt, von der Beeinflussbarkeit durch wechselnde Moden, Meinungen und Idole zu der Erfahrung der eigenen Interessen.

Das Hereinarbeiten des Ich Lebensorganisation (Ätherleib) führt zur Ausbildung der sogenannten „Verstandes- oder Gemütsseele“ (28-35): zu einer stärkeren Verinnerlichung (Gemüt) aber auch zu einem sympathie- und antipathieunabhängigeren Urteilsvermögen (Verstand).

Ein drittes Seelenglied wird in diesem Zeitabschnitt erworben, die „Bewusstseinsseele“ (35-42), die durch ein weiteres Hereinarbeiten des Ich in den physischen Leib entsteht: die Arbeit an Konstitution, Temperament und Charakter wird möglich. Das Werkzeug der Bewusstseinsseele ist die Verantwortung und die Unterscheidung von wesentlichen und unwesentlichen Dingen und Impulsen. Naturgemäß ist die Zeit der Bewusstseinsseele die Zeit der größten Krisen oder der größten Ablenkungen von diesen Krisen.

Wie in den ersten drei Jahrsiebten eine Inkarnation, ein Hereinarbeiten der oberen Wesensglieder in den Leib stattfindet, so lösen sich diese Wesensglieder nun exkarnierend wieder heraus aus dem Leib. Die Entwicklung in den ersten drei Jahrsiebten ist insofern eine Fortsetzung der Geburt. In den zweiten drei Jahrsiebten gestaltet sich das Ich in der Seele aus.